18 Sommer

Es ist alles eine Frage der Zeit: Neulich sagte ich zu meiner Freundin, wir hatten unwesentlich etwas getrunken, dass ich, wenn ich so alt werden würde wie meine Mutter, noch 18 Sommer vor mir hätte.

Um ehrlich zu sein, nur noch 17, denn im aktuellen Sommer bin ich ja schon drin. Nun mag einer sagen: „Noch 18 Sommer? Ist doch toll, was hast du denn noch so vor?“ Nun, ich bin gerade dabei es herauszufinden. Schon vor einiger Zeit habe ich mein Leben radikal verändert. Raus aus dem Job, der mir ohne Frage immer sehr wichtig war und über Jahrzehnte einen großen Teil meines Alltags dominierte. Nein nein, nicht das es eine Belastung gewesen wäre, mir hat es immer sehr viel Spaß gemacht. Aber irgendwie ist die Zeit so schnell vergangen. Vielleicht kommt es mir aber auch nur so vor, jetzt wo ich so zurückblicke. 
Früher erschien mir alles, was vor mir lag, endlos. Zum Beispiel noch endlos lange hin bis zu den Sommerferien. Dann waren sie endlich da und diese sechs Wochen verhießen süßes Nichtstun und ebenfalls Endlosigkeit. Mit den Eltern verreisen, sich um nichts kümmern müssen, nichts planen, nichts bezahlen müssen. Nichts müssen müssen. Außer mal den Tisch abräumen vielleicht oder die schwerwiegende Entscheidung im Freibad: Dolomiti oder lieber eine Cola? Als Nachzügler hatte man sowie ein wenig mehr Privilegien. Hiermit war in erster Linie das Taschengeld gemeint.
Ja, wie sagt man heute: Die Zeiten waren einfach anders. Ob sie besser waren, sei hier mal dahingestellt. Abends sah man komische Sendungen im Fernsehen; es gab drei Programme. Es war die Zeit der großen Shows. Sie endeten irgendwann gegen Mitternacht mit einem Testbild. Wenn man Pech hatte, war man vor dem Fernseher eingeschlafen und wurde erst in den frühen Morgenstunden vom lauten Piepen geweckt. 

Schneller, höher, weiter, reicher, fröhlicher

Vierzig- oder Fünfzigjährige erschien mir steinalt. So alt wird doch kein Schwein! Das man tatsächlich einmal so alt wird wie seine Eltern, damals kaum vorstellbar. Wirklich süß, in der Rückbetrachtung wahrscheinlich unglaublich arrogant. Vierzig ist bei mir jetzt schon ein bisschen her und ich frage mich, wo die Zeit geblieben ist. Ich bin selten wehmütig, gucke gar nicht ständig zurück, finde sowieso nicht, dass früher alles besser war, mag mein Leben und bin gespannt auf die Zukunft. Aber trotzdem, diese 18 geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Damit sollte ich also noch richtig was anstellen. Mir ist klar, dass ich nicht mehr die ganze Welt bereisen werde, aber das ist nicht so schlimm, ich will gar nicht alles sehen. Außerdem kann ich schon sagen, das ich gewissermaßen schon ganz schön rumgekommen bin.  Aber es gibt auch Orte, die mich echt nicht interessieren. Demgegenüber gibt es auch Orte, an die ich immer und immer wieder will. Beispielsweise übt das Meer auf mich eine unglaubliche  Anziehungskraft aus. Ach du liebe Güte, wie soll ich das alles schaffen?

Eine Frage der Schublade 

In jungen Jahren war mir auch schon klar, das ich nicht studieren würde, obwohl es mir der einzig wirklich sinnvolle Berufsweg erschien. Meine Eltern hätten es sicherlich ziemlich stolz gemacht, da ich damit dann der einzige aus der Familie gewesen wäre, der eine Hochschule besucht hätte. Elektrorechnik oder Physik, das wäre sicher was gewesen. Oder Psychologie. Polizei hatte ich eine Zeitlang auch ins Auge gefasst. Da ich aber von Haus aus eher der faule Typ bin, ist es mit Abitur, Studium und Polizei nichts geworden. Jedoch werden wir in Zukunft sehr viele PsychologInnen, PsychiaterInnen und TherapeutInnen brauchen, denn wir sind über die Jahre ganz schön kaputt gegangen. Und wer denkt, dass früher auch nicht alle auf der Couch bei Doktor Freud liegen mussten – der irrt. Viel mehr Menschen hätten sich mal einen Coach oder ähnliches leisten sollen. Haben sie aber nicht, denn die westliche Welt befand sich ja im Daueraufschwung. Alles ging schneller, höher, weiter, besser, reicher, fröhlicher. Die Quittung, wenn man nicht acht auf sich gibt, die kommt später. Diese Quittung kann man sich aktuell in einigen Bereichen unserer Politik oder Gesellschaft angucken. Aber das ist ein anderes Thema. 
Ehrlich, ich will Euch gar nicht so runterziehen, aber wenn man ab und zu mal sein Gehirn einschaltet, dann kann man schon auf komische Gedanken kommen. 18. Die Zeit tickt. Geboren, um zu sterben. Und trotzdem tun wir gerne so, als wären wir “forever young“. Die Zeit hat manchmal zwar auch etwas Tröstliches, im Sinne von „das geht vorbei“, wenn es gerade schlimm ist. Die Zeit bleibt aber einfach nie stehen. Auch wenn man hin und wieder natürlich das Gefühl hat, dass die Zeit steht. Dass nichts vorankommt. Dass sich verdammt nochmal etwas ändern muss. Dann vergeht die Zeit unendlich langsam. Inzwischen klatschen wir ja gelegentlich vergnügt in die Hände, wenn ein Ort so aussieht, als wäre die Zeit stehengeblieben. Wir entdecken in der Schweiz gerne Hotels, die immer noch den guten alten Charme haben. Immer noch die gleichen Gummitiere, die in Spanien oder Griechenland bei Sonneneinstrahlung ungesund nach Plastik stinken. Okay, das will eigentlich niemand sehen. Fortbewegungsmittel, wie laut knatternde Vespas im Süden von Italien oder leise Esel in Griechenland, die Holz ohne Murren steile Berge hinauftragen. Einfach faszinierend.
An manchen Tagen aber verrinnt die Zeit nur so. Natürlich dann, wenn es besonders schön ist. Wir berufen uns inzwischen wieder gern auf „die gute alte Zeit“. Gerade schrieb ein Freund auf Instagram, dass ein bestimmtes Restaurant seit Jahrzehnten (!) so herrlich sei wie immer. Und warum schwärmt er davon? Weil die aktuellen Zeiten so anstrengend sind. Da sehnt die liebe Seele sich nach Ruhe, nach Beständigkeit, nach „früher“. Immer noch gilt: „Früher war nicht alles besser“, aber wir waren jünger! Und jetzt sind wir verklärter, unser Gehirn blendet den ganzen Mist nach einer Weile aus. Eine großartige Eigenschaft. Zack, ab in die Schublade. Wir müssen inzwischen die Dinge tun (eigentlich schon recht lange), die unsere Eltern getan haben und wissen erst jetzt zu schätzen, wie hart es für sie gewesen sein muss, dass es für uns alles so easy war. 

Früher war alles besser

Ja, die Herausforderungen, vor denen die Welt momentan steht, sind groß. Die lange Zeit des Friedens, Wachstums, Easy Jettings und der wöchentliche Grillabend mit Nachbarn und Freunden, die sind ist erstmal vorüber. Fürchte ich. Das haben aber nur ein paar Hansels bisher wirklich begriffen. Vielleicht werden es aber von Tag zu Tag etwas mehr Menschen. „Früher war alles besser“ ist natürlich absoluter Unfug, aber es wird anders werden.  Früher hatten Frauen auch schon ihre Tage und Männer Potenzprobleme, man sprach nur nicht drüber. Könnt Ihr euch noch an den Achselbewuchs von Frauen in den Achtzigern erinnern? Auch die Schulterpolster  jener Zeit sind heute ein echter Hingucker.  Jede Zeit hat ihre Tücken und welche Tücken unsere Zeit hat, das wird sich noch herausstellen, das wisst ihr auch nur allzu genau. Ich sage nur Klima, Corona, Krieg. Das Drama ums Klima schreitet mit großen Schritten voran. Das Thema Corona steckt einigen noch immer schwer in den Knochen. Wann wird es endlich wirklich vorüber sein, fragen wir uns nach über zwei Jahren mit dem Virus. Der Krieg in der Ukraine, er hat direkt vor unseren Augen begonnen und es schmerzt festzustellen, dass er nicht aufhören will.
Wie viele Sommer mit Krieg haben sie dort noch vor sich, was glaubt ihr?  Kämpfen bis zum letzen Mann. Was für eine skurrile Vorstellung. 
Wir können es eh nicht ändern, stimmt schon, aber gibt es eigentlich eine Alternative?
Und trotzdem, diese 18 geht mir trotzdem nicht mehr aus dem Kopf. Was haben Ihr noch auf Eurer Bucketlist? Ich habe noch ein paar spezielle Ecken dieser Welt zu entdecken, vorerst ist mal Europa dran. Die Polarlichter, wieder mal nach Sizilien, um nur einiges zu nennen. Zur Zeit bereise ich im Bulli ja Albanien und Griechenland. Großer Plan auch: Mit dem Camper auf die Seidenstraße . Aber sonst, im alltäglichen Leben, was sind Eure Life-Goals? Ich kann euch sagen, ich übe noch. So, wie ich schon mein ganzes Leben das Gefühl habe, dass ich übe. Die Frage ist, wofür? 

Bis dahin: wir sehen uns auf der Straße . . . 

2 Antworten auf „18 Sommer“

  1. Was für ein schöner Blogpost! ❤️

    Ja, was will ich denn eigentlich auch alles noch mal machen? Endlich mal eine solche Liste wäre ein guter Anfang. Danke für die Inspiration!

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